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Abdrücken contra Abbinden

Montag, 2. Februar 2009 | Autor:

Inspiriert durch immer wieder die gleiche Aussage in meinen EH-Kursen, möchte ich hier ein Missverständnis aufklären.
Es gibt einen erheblichen Unterschied zwischen Abbinden und einem Druckverband, bzw. Abdrücken.
Dazu eine kurze Erläuterung, wann überhaupt abgedrückt/ein Druckverband angelegt wird.
Bei einer starken Blutung, wie beispielsweise einer Amputationsverletzung oder einer tiefen Schnittwunde (v.a. bei Verletzung größerer Arterien) kann der Körper die Blutung nicht mehr durch Kontraktion (Zusammenziehen des Gefäßes) oder der Blutgerinnung stoppen. Dabei kann es zu einer lebensgefährlichen Blutung kommen. Um dem im Notfall vorbeugen zu können, muss diese Blutung von „außen“ gestoppt werden. Dies macht man mit einem sogenannten Druckband. Dieser ist ein spezieller Verband, der auf eine bestimmte Art gewickelt wird und zusätzlich ein Druckpolster benutzt, um durch direkten Druck auf die Wunde die Blutung zu stillen.
Um allerdings einen Druckverband anlegen zu können, muss als erstes die Blutung vorübergehend stehen. Dieses erreicht man durch Abdrücken der größeren Arterie, die für die Blutversorgung des betroffenen Körperteils zuständig ist.
Diese ist für die Arme die Oberarmarterie (A. brachialis). Diese kann man verhältnismäßig einfach finden. Auf der Oberarminnenseite lässt sich ein Spalt zwischen Bizeps und Trizeps tasten. Wenn man in diesen Spalt hineintastet, stößt man auf den Oberarmknochen und die Oberarmarterie, die zwischen den tastenden Fingern und Knochen abgedrückt werden kann. Man drückt, mit angemessen viel Kraft, mit dem Zeige-, Mittel- und Ringfinger auf besagte Arterie und unterbricht damit gezielt die Blutzufuhr zum Arm. Das funktioniert entsprechend auf beiden Seiten.
Bei den Beinen ist das ein wenig schwieriger, da das zuführende Gefäß die Leistenarterie (A. femoralis) ist. Diese ist wie der Name schon vermuten lässt in der Leistenregion verborgen und kann beim entkleideten Patienten auch ziemlich gut gefunden werden. Allerdings wird der Patient vom Ersthelfer ja nicht entkleidet.
Um nun die Leistenarterie abdrücken zu können stemmt man am einfachsten die eigenen Fingerknöchel in die betreffende Leiste des Patienten. Wie beim Arm kann man den Erfolg direkt kontrollieren, da die Blutung zum stehen kommt, wenn man die Arterie erwischt hat.
Steht die Blutung nun, kann ein zweiter Helfer den Druckverband anlegen. Wenn man alleine ist, lautet die adäquate Maßnahme abzudrücken, bis der Rettungsdienst eintrifft.

Wichtig:
Der Kopf wird lediglich durch 2 Hauptschlagadern und 2 kleineren Arterien versorgt.
Hier darf kein Druckverband im eigentlichen Sinne angelegt werden, man komprimiert die Blutung durch direkten Druck mit einer sterilen Kompresse. Dabei sollte man darauf achten, dass die Hauptschlagader der anderen Seite nicht mitkomprimiert wird, da sonst das Gehirn nicht mehr durchblutet wird.
Eine solche Verletzung ist eine der am schwierigsten zu versorgende.

Worin besteht aber nun der Unterschied zwischen „Abdrücken“, was durchgeführt werden soll und dem „Abbinden“, das man nicht mehr praktiziert?

Abbinden ist eine Maßnahme, die früher durchgeführt wurde, allerdings immer unter der Aussage, dass maximal 1 Stunde lang abgebunden werden darf. Der Grund hierfür liegt in folgendem Punkt:
Beim Abbinden wird mit einem breiten Tuch das betroffene Gliedmaß umschlungen und festgezogen. Damit sollte auch die Blutung unterbunden werden.
Das Problem hierbei ist, dass in die Extremität kein Blut und damit kein Sauerstoff mehr gelangt, sodass die Muskeln nicht mehr mit ausreichend Sauerstoff versorgt werden können. Hierbei wechselt nun die Energieversogung des Muskels von aerob (Sauerstoff abhängig) auf anaerob (Sauerstoff unabhängig), um den Muskel weiterhin mit Energie versorgen zu können.
Dabei entstehen Stoffwechselprodukte, die für den menschlichen Organismus schädlich sind, darunter Laktat und abgestorbene Zellteile. Das noch in der Extremität verbliebene Blut wird stark sauer. Wird die Stauung nun aufgehoben schwemmen die schädlichen Stoffwechselprodukte in den Organismus und können dabei unter Umständen einen Herzstillstand auslösen.
Zudem muss das abgebundene Gliedmaß, wenn das Gewebe zu stark nekrotisiert ist, amputiert werden.
Da das, aus offensichtlichen Gründen vermieden werden soll, wurde das Abbinden aus der Ersten Hilfe verbannt.

Die Alternative Druckverband hat sich erfolgreich durchgesetzt, die spezielle Wickeltechnik des Druckverbandes ermöglicht direkten Druck auf die Wunde und stillt die Blutung, und durch „breites“ Wickeln auf der gegenüberliegenden Seite stellt man sicher, dass das Blut trotzdem abfließen kann (Man wickelt also X-förmig über die Wunde, wobei der Schnittpunkt direkt über dem Druckpolster liegt).
Abschließend aber noch einmal der Hinweis: Sollte man sich einer starken Blutung alleine gegenübersehen, sollte man das zuführende Gefäß abdrücken und auf das Eintreffen des Rettungsdienstes warten. Denn die Blutung soll unterbrochen werden. Ob dieses durch einen Druckverband oder durch alleiniges Abdrücken geschieht, ist unerheblich.

Bei Fragen, Korrekturen oder Anregungen freue ich mich über einen Kommentar oder eine E-Mail an:

info@schockzeichen.de

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