Anmerkungen zu einem Artikel im “Spiegel” 15/2008

Donnerstag, 18. Dezember 2008 |  Autor:

“Der Spiegel” hat in seiner Ausgabe 15/2008 einen „kritischen“ Artikel über die Erste Hilfe-Ausbildung in Deutschland veröffentlicht. Als Ausbilder habe ich mich persönlich angegriffen gefühlt, wie es auch den Lehrern bei dem momentan ja überaus beliebten „Lehrer-Bashing“ gehen dürfte.

„Die Qualität von Erste-Hilfe-Kursen ist so schlecht, dass kaum ein Laie Leben retten kann. Ein Großteil von ihnen probiert es erst gar nicht“

Eine gewagte Überschrift wie ich finde. Natürlich muss man diese Aussage, wenn man den Artikel auch fertig liest, relativieren, die Punkte, die gemacht werden sind nicht frei erfunden, einiges stimmt so tatsächlich. Aber die Kritik, die Kurse seien zu lang und zu realitätsfern, kann man so nicht stehen lassen. Viele meiner Ausbilderkollegen bemühen sich um einen interessanten und realitätsbezogenen Unterricht. Es bringt weder uns als Ausbilder etwas, noch dem Teilnehmer, wenn wir von der „grünen Heide“ erzählen. Aber man muss auch sehen, dass der einzelne Ausbilder sich die Themen, die er behandelt nicht aussucht. Diese werden von der Bundesarbeitsgemeinschaft Erste Hilfe (BAGEH) und den Berufsgenossenschaften vorgegeben. Die jeweilige Organisation hat dann auch noch mal ein Wörtchen mitzureden und gibt offizielle Lehraussagen vor. An diese muss ich mich als Ausbilder halten, möchte ich nicht eigenverantwortlich handeln.
Dass dabei Themen wie das Retten von Verunfallten aus Gefahrensituationen herauskommen, muss ich dann eben hinnehmen. Ob das dann sinnvoll ist oder nicht, darüber müssen sich andere streiten, ich mache als Ausbilder meinen Job und versuche das Verlangte möglichst im Sinne des Teilnehmers herüber zu bringen.

Der Vorwurf, am Teilnehmer vorbei auszubilden, ist nicht nur überzogen, sondern so auch nicht richtig. Die Statistiken, die angesprochen werden sind mir bekannt. Auch ist mir bekannt, dass viele Ersthelfer zu wenig tun, aber was will ich denn von einem Ersthelfer erwarten, der maximal 8 Doppelstunden á 90 Minuten als Ausbildung erhält?

Es ist eine utopische Forderung, die Erste Hilfe im Schulunterricht zu verankern. Wir sehen doch bereits jetzt, dass die Schüler nur deswegen zu den Kursen kommen, weil sie müssen. Der Prozentsatz, der freiwillig, weil es ihn interessiert, an dem Kurs teilnimmt, ist an einer Hand abzuzählen. Ebenso bei den Erwachsenen-Kursen.
In jedem Kurs, der von der Berufsgenossenschaft ausgeht, kann man in den Gesichtern der Teilnehmer die Motivation lesen. Und die liest sich wie: „Mach hin, ich will heim, das brauch doch eh keiner.“
Aber hier sind dann die Kursleiter in der Pflicht, eben eine Motivation zu geben. Es ist aber eine Sisyphus-Arbeit, jedes Mal aufs Neue den „Zirkusaffen“ zu geben.

Erschwerend kommt hinzu, dass viele Teilnehmer sowieso alles „besser wissen“, als der Ausbilder, der „da vorne“ steht. Da wird jede Maßnahme, die erklärt wird, kommentiert und es wird erzählt, warum das, was Teilnehmer da für richtig hält, tatsächlich auch richtig ist (Auch wenn es das in Wirklichkeit nicht ist).

Erstaunt bin ich immer wieder über folgende Geschichte, die mir bisher in etwa 85% aller von mir gehaltenen EH/LSM-Kursen erzählt wurde. Erlebt wurde sie immer von einem entfernten Verwandten bzw. einem Bekannten oder dem Verwandten des Bekannten.
Vielleicht kennt sie der ein oder andere:

Ein Motorradfahrer verunglückt und bekommt von dem Ersthelfer (eben demjenigen Bekannten/Verwandten, der die Geschichte erzählt) den Helm abgezogen. Durch eine unglückliche Verletzung bricht der Schädel so, dass die Schädeldecke im Helm verbleibt und das Gehirn aus dem Kopf fällt. Das ist passiert, weil der Mottorradfahrer entweder auf einen Bordstein oder eine Leitplanke gefallen ist.
Diese Geschichte wird im Anschluss von einigen anderen Teilnehmern bestätigt. Sie hätten davon auch schon gehört, oder einem ihrer Bekannten/Verwandten sei das Gleiche passiert.

In Wirklichkeit handelt es sich bei dieser Geschichte um eine sogenannte „Urban Legend“. Es ist eine Geschichte die so ähnlich tatsächlich einmal publiziert wurde. 1979 fand sich diese Geschichte in einer BILDenden Boulevardzeitung, wurde aber kurze Zeit darauf als Ente enttarnt und richtiggestellt. Aber heute noch hält sich diese Geschichte hartnäckig in den Köpfen der Teilnehmer als Argumentation gegen die Helmabnahme.

Auch die Argumentation des Spiegels, die medizinischen Forschungsergebnisse fänden nicht schnell geug ihren Weg in die Kurse kann so nicht bestätigt werden. Wie oft sollen denn die entsprechenden Inhalte geändert werden? Monatlich? Halbjährlich?

Bei allem gebotenen Respekt, aber das sind Aussagen von jemandem, der sich anscheinend mit der Materie nicht auskennt.
Das Problem ist viel eher, das die Leute im Normalfall nur einmal diesen Kurs besuchen, nämlich um ihren Führerschein zu machen. Danach kümmert sich die Mehrheit der Bundesbürger nicht mehr um die Erste Hilfe. Viele geben zwar an, nicht mehr Bescheid zu wissen und würden gerne nochmal einen Kurs besuchen, aber die meisten lassen keine Taten folgen.
Und so liegt die Tatsache, dass die Ersthelfer in Deutschland so „schlecht“ ausgebildet sind, nicht an den Ausbildern oder den Kursinhalten, sondern primär an der Zielgruppe selbst.

Es muss viel mehr in den Köpfen der potentiellen Helfer etabliert werden, dass die Erste Hilfe jeden angeht. Jeder kann in die Situation geraten, Hilfe leisten zu müssen. Und das müssen die Leute verstehen. Es bringt niemandem etwas, wenn nun in blindem Aktionismus Ausbildungsinhalte umgeworfen, angepasst oder rausgelassen werden. Vielmehr muss in der breiten Masse das „Wollen“ nach einem Erste Hilfe-Kurs gestärkt werden.
Als ersten Schritt müssen die aktuellen Teilnehmer motiviert und überzeugt aus den Kursen gehen. Sie müssen das Gefühl haben, helfen zu können und das nicht nur in den nächsten Stunden, Tagen oder Wochen, sondern über einen längeren Zeitraum hinweg. Und sie müssen danach den Wunsch verspüren, das Gelernte aufzufrischen oder gar zu vertiefen.
Auch wenn sich das jetzt ein wenig nach „Sekte“ anhört, das sollte das Ziel sein.
Die Leute sollen helfen wollen, nicht müssen.

Aber auch die geforderten „kürzeren“ Kurse werden das nicht abschaffen. Eigentlich müssten die Kurse sogar länger sein. Aber eben nicht am Stück. Ein modularer Aufbau wäre sinnvoll, allerdings kann man diesen erst durchsetzen, wenn die Leute kommen wollen.
Der Vorteil wäre, dass man dann eben zielgruppenorientierte Kurse anbieten könnte. Die Durchführung von „Erste Hilfe am Kind“-Kursen ist eben genau so ein Kurs, allerdings ist auch da die Zielgruppenorientierung auch ein wenig „misslungen“, da dort eben auch „gezwungene“ Teilnehmer in den Kursen sitzen.
Aber prinzipiell wäre genau das der richtige Weg. Zielgruppenorientierte Ausbildungsinhalte, bei kürzerer Kursdauer und höher Wiederholungsfrequenz.

Aber da eröffnen sich schon die nächsten Probleme. Wer bestreitet den Verwaltungsaufwand? Wer konzeptioniert die verschiedenen Kurse, bzw. die Zielgruppen? Woher sollen die Einnahmen kommen, die die benötigten Aufwendungen decken?
Die Ausbildung ist bei den Organisationen mehr Prestigesache als Einnahmequelle. Mit der Laienausbildung lässt sich kein Geld verdienen, das verhindern schon die gehobenen Anforderungen seitens der Berufsgenossenschaften. Dieser „Großkunde“ ist elementar für die ausbildenden Stellen. Keiner kann es sich leisten, diesen zu verprellen, also tanzen alle nach deren Pfeife.

Ein großes Problem – und da kann ich dem Spiegel nur zustimmen – sind die, teilweise sehr zweifelhaften, privaten Anbieter. Es kann einfach nicht sein, dass jemand einen EH/LSM-Kurs anbietet, der um 10.00 Uhr anfängt und um 13.00 Uhr fertig ist. Wenn dann noch HLW-Techniken von vor 15 Jahren erklärt werden und als aktuelle Richtlinie des European Resuscication Council (ERC) ausgegeben werden, dann ist für mich das Ende der Fahnenstange erreicht. Es muss eine staatliche Regulation her, die auch entsprechend kontrolliert werden muss.

Letztendlich möchte ich noch ein kurzes Wort zur fachlich-didaktischen Eignung der Ausbilderkollegen der Hilfsorganisation verlieren. Jeder der eine Fortbildung zum Ausbilder machen möchte, muss eine fachliche und pädagogische Prüfung ablegen. Ebenso muss eine HLW-Prüfung abgelegt werden. Beim ASB gibt es beispielsweise ein Mentorensystem, das neuen Ausbilderkollegen einen Mentor zur Seite stellt. Vielmehr darf auch nur dann die Ausbilder-Ausbildung begonnen werden, wenn derjenige auch einen Mentor hat. Das soll sicherstellen, dass die Ausbilder nicht „ins kalte Wasser“ geworfen und direkt mit den Teilnehmern „alleingelassen“ werden.
Die Hilfsorganisationen achten darauf, dass die benötigten Kenntnisse vermittelt werden und die Ausbilder werden regelmäßig fortgebildet. Viele meiner direkten Kollegen sind selbst aus dem Rettungsdienst, von einer mangelden Kenntniss der zu vermittelnden Inhalte kann also nicht wirklich geredet werden. Aber auch die Nicht-Rettungsdienstler unter den Ausbildern sind kompetente Leute, die keine Fehlinformationen vermitteln, wie der Spiegel da meines Erachtens suggeriert.
Klar muss auch sein, dass jeder, der an so einem Kurs teilnimmt, mit Dingen konfrontiert wird, über die er sich noch keine Gedanken gemacht hat. Aber es sind nicht die Ausbilder, die zweifelhafte Fragen aufwerfen, sondern in den meisten Fällen die anderen Teilnehmer, die durch „gefährliches Halbwissen“ manchmal sehr viel Schaden anrichten können. Und gerade die rechtlichen Fragen werden oft von den Teilnehmern aufgebauscht, weil sie selbst diese Fragen missinterpretieren.

Ein Erste Hilfe-Kurs sollte also kein notwendiges Muss sein, sondern etwas, das man für sich und vor allem auch für andere tut. Ich will im Notfall helfen können und will im Gegenzug in einem Notfall, der mich betrifft auch geholfen bekommen. Es bleibt ein stetiges Geben und Nehmen. Doch solange die Motivation nur aus Erlangung des Führerscheins besteht, werden qualitativ hochwertigere Kurse ein Traum bleiben.

Bei Fragen, Korrekturen oder Anregungen freue ich mich über einen Kommentar oder eine E-Mail an:

info@schockzeichen.de

Trackback: Trackback-URL | Feed zum Beitrag: RSS 2.0
Thema: Erste Hilfe

Diesen Beitrag kommentieren.

Ein Kommentar

  1. 1
    Neumann 

    den Kursen kommen, weil sie müssen. Der Prozentsatz, der freiwillig, weil es ihn interessiert, an dem Kurs teilnimmt, ist an einer Hand abzuzählen. Ebenso bei den Erwachsenen-Kursen.
    In jedem Kurs, der von der Berufsgenossenschaft ausgeht, kann man in den Gesichtern der Teilnehmer die Motivation lesen. Und die liest sich wie: „Mach hin, ich will heim, das brauch doch eh keiner.“
    Aber hier sind dann die Kursleiter in der Pflicht, eben eine Motivation zu geben. Es ist aber eine Sisyphus-Arbeit, jedes Mal aufs Neue den „Zirkusaffen“ zu geben.

    ………… zu diesem Artikel mit der Aussage “an einer Hand abzählen” kann ich nicht zustimmen!

    Ich bin seit drei Jahren Ausbilder für Erste Hilfe, ich arbeite seit über 10 Jahren im Rettungsdienst und bin bei der BF.
    Ich denke es kommt darauf an wer vor einem steht, nicht das ich die Ehrenamtlichen schlecht machen will, nein es liegt sicher daran ob man auch was von der Praxis erzählen kann.
    Viele Ausbilder halten sich an der Ausbildungsverordnung bzw. an ihrem Ordner fest.
    Es wird geblättert und nach einem festgelegtem Konzept gearbeitet.
    Das ist unglaubwürdig und nicht auf die Personen die vor einem sitzen abgestimmt.
    Ich habe viele Kurse gehalten, von jungen Leuten angefangen bis zu Rentern….
    Ob Arbeitslose, Berufstätige, Schuler, Vereine..
    der Ausbilder muss auf die Leute eingehen und nicht nur nach dem Ordner gehen !
    Natürlich macht man manchmal den “Zirkusaffen” aber daß gehört dazu !!!

    Also kurz gesagt: Überwiegend habe ich nur positives erfahren !

Kommentar abgeben